Anita Rée (1885-1933) – Malerin zwischen den Welten

Anita Rée: Selbstporträt (1930)
Anita Rée – Selbstbildnis 1930, Hamburger Kunsthalle

Anita Rée ist eine „Fremde in der Welt“, eine Zerrissene. Halb Jüdin – halb Südamerikanerin, im Norden geboren und mit der Sehnsucht nach südlicher Sonne im Herzen, eine selbständige Frau zwischen Tradition und Moderne, die ihren künstlerischen Durchbruch in der Weimarer Republik erlebt und mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten als Mensch und Künstlerin diffamiert und angefeindet wird.


Sie ist eine faszinierende Frau, apart, mit dem exotischen Aussehen ihrer venezolanischen Mutter, liebenswürdig und bezaubernd, aber auch kompromisslos, verletzlich und schwermütig, unglücklich und hart. Als junge Frau weiß sie genau, was sie will: eine ausgebildete, professionelle Künstlerin werden. Trotzdem zweifelt sie immer wieder an ihrem Talent, ihrem Können.
Die existentielle Frage nach der eigenen Identität, nach ihrer Herkunft, beschäftigt die Malerin Zeit ihres Lebens. Wie ein roter Faden zieht sich die Erforschung des eigenen Ichs, der Ausdruck ihrer inneren Welt durch ihr gesamtes Werk.
Und das ist ausgesprochen facettenreich: es reicht von impressionistischer Freilichtmalerei über kubistisch-mediterrane Landschaftsbilder bis hin zum „neu-sachlichen“ Porträt.

Anita Rée - Schlucht bei Pians (1921)
Anita Rée – Schlucht bei Pians (1921), Hamburger Kunsthalle


Anita Rée studiert zunächst an der privaten Malschule des Hamburger Impressionisten Arthur Siebelist (1904-10), denn noch gibt es in Hamburg keine reguläre Akademieausbildung für Frauen. Sie lernt von Franz Nölken, der gerade von seinem Pariser Studium bei Matisse zurückgekehrt ist; geht 1912-13 selbst nach Paris, studiert Aktzeichnen bei Fernand Léger, nimmt kubistische Strömungen auf und lässt sich von Picasso, Matisse und Cézanne inspirieren.
1919 gründet sie zusammen mit anderen fortschrittlichen Maler:innen die Künstler-vereinigung „Hamburger Sezession“. Ihre Werke finden große Beachtung bei den jährlichen Ausstellungen.


Ihre glücklichste Zeit verlebt sie in Positano, einem kleinen süditalienischen Dorf an der Amalfiküste, gemeinsam mit ihrem Freund, dem Maler Christian Selle. Von 1922-25 ist dieser Ort nicht nur ihr Lebenszentrum, hier entwickelt sie sich auch künstlerisch weiter, in Richtung „Neue Sachlichkeit“. Das Bild „Weisse Bäume“ entsteht in Positano, ihres Erachtens ihr bestes Werk.

Anita Rée - Weisse Bäume (1922)
Anita Rée – Weisse Bäume (1922)


Mit der Ausstellung ihrer italienischen Arbeiten 1926 in Hamburg, wird sie zu einer vielbeachteten und ausgezeichneten Künstlerin. Sie erhält viele Porträtaufträge und arbeitet Ende der 1920er Jahre an zwei großen Wandbildern: „Orpheus mit den Tieren“ – heute im Fokine-Studio der Ballettschule des Hamburg Ballets – und „Die klugen und die törichten Jungfrauen“, das später von den Nazis zerstört wird.

Beruflich also anerkannt und erfolgreich, wird es für Anita Rée immer schwieriger in Hamburg. Sie, die sich selbst nicht als Jüdin versteht und sich gegen eine Vereinnahmung als jüdische Künstlerin vehement wehrt, wird 1930 von der NSDAP als Jüdin denunziert, ein Großauftrag (ein Tryptichon für den Altar der Hamburger Ansgarkirche) wird aus „kultischen Bedenken“ 1932 zurückgezogen, sie verliert ihre Wohnung in Hamburg und zieht sich nach Sylt zurück. Im April 1933 wird sie von der Hamburgischen Künstlerschaft als „artfremdes Mitglied“ diffamiert und ausgeschlossen. Trotzdem ist Anita Rée noch produktiv, auch wenn sie sehr unter den Anfeindungen und ihrer zunehmenden Einsamkeit leidet. Ihre Motive verändern sich: keine Menschen mehr, höchstens Tiere bevölkern ihre kargen Dünenlandschaften und sie arbeitet jetzt bevorzugt in Aquarell.


Am 12. Dezember 1933 setzt sie ihrem Leben ein Ende. Nur wenige Tage vor ihrem Suizid schreibt sie an ihre Schwester Emilie:

„Ich kann mich in so einer Welt nicht mehr zurechtfinden und habe keinen einzigen anderen Wunsch, als sie, auf die ich nicht mehr gehöre, zu verlassen. Welchen Sinn hat es, ohne Familie und ohne die einst geliebte Kunst und ohne irgendeinen Menschen in so einer unbeschreiblichen, dem Wahnsinn verfallenen Welt weiter einsam zu vegetieren und allmählich an ihren Grausamkeiten innerlich zugrundezugehen?“ (Anita Rée, 1933)

Anita Rée: Orpheus mit den Tieren, Wandbild in der Ballettschule Hamburg
Anita Rée – Orpheus mit den Tieren, (Wandbild in der Ballettschule Hamburg)


Im Oktober 2017 zeigte die Hamburger Kunsthalle eine erste umfassende Ausstellung zu der Malerin mit rund 200 teilweise noch unbekannten Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und gestalteten Objekten. (https://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/anita-ree)


Autorin: Andrea Brendel, 17.12.2023

Quellen:

https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/anita-ree/

https://de.wikipedia.org/wiki/Anita_R%C3%A9e

https://schluesseldokumente.net/beitrag/jgo:article-106#section-2

http://www.garten-der-frauen.de/erinnerung.html#ree

https://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/anita-ree

https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburgische_Sezession

Bilder:

Anita Rée – Selbstbildnis 1930 – Bridgeman Art Library: Objekt 155109, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42951922

Anita Rée – Weisse Bäume (1922) – Villa Grisebach, Berlin 25. November 2011, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26350784

Anita Rée – Schlucht bei Pians (1921) – Bridgeman Art Library: Objekt 149536, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42952444

Anita Rée – Orpheus mit den Tieren, (Wandbild in der Ballettschule Hamburg) – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16593852