Virtuos & vielseitig – Julie Wolfthorn (1864-1944)

„Ich habe es immer als meine Hauptaufgabe betrachtet, neben dem künstlerischen das psychologische Moment in meinen Bildnissen besonders zu betonen. Dazu gelange ich mehr auf dem Wege der Intuition als durch bewusste Gedankenarbeit. Oft habe ich das Gefühl, als malte nicht ich, sondern ein andrer in mir, so dass ich mitunter überrascht vor meiner eigenen Arbeit stehe. Das sind die glücklichsten Augenblicke des Schaffens.“ (Julie Wolfthorn)
Die jüdische Malerin und Graphikerin Julie Wolfthorn war eine besondere Frau: eine prägende Figur im Berliner Kunst- und Kulturleben zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erfolgreiche Porträtistin der gehobenen Gesellschaft, Mitbegründerin der Berliner Secession und Kämpferin für die Frauenrechte. Gemeinsam mit anderen Künstlerinnen kämpfte sie für den Zugang von Frauen zum Kunststudium, für die Verbesserung der Situation von Künstlerinnen und die Professionalisierung des Berufs. So gründet sie 1905 mit 11 weiteren Künstlerinnen, darunter Käthe Kollwitz und Sabine Lepsius, die erste überregionale weibliche Ausstellungsgemeinschaft, um innerhalb der männerdominierten Kunstwelt Ausstellungsmöglichkeiten für Frauen zu schaffen. Heute würden wir sie eine Networkerin nennen.

Und sie ist eine erstaunlich vielseitige Künstlerin. Julie Wolfthorn’s Werk zeigt, wie virtuos sie sich verschiedener Stile bedient: mal impressionistisch, mal expressiv, mal dem Jugendstil, mal der Neuen Sachlichkeit zugewandt. Was ihr Werk vor allem aber auszeichnet, ist ihr virtuoser Einsatz von Farbe, der den Bildern Tiefe verleiht – und die Lebendigkeit der von ihr Porträtierten.
Julie Wolfthorn, eigentlich Julie Wolf, wird schon früh Vollwaise und wächst bei ihrer Großmutter in Berlin auf, gemeinsam mit ihren 4 Geschwistern. Da Frauen bis 1919 nicht zum Kunststudium zugelassen sind, studiert sie in privaten Akademien Malerei und Graphik zunächst in Berlin, später in Paris in der Académie Colarossi. Studienreisen führen sie nach Italien, Belgien, Holland und nach Worpswede, wo sie Paula Modersohn-Becker kennenlernt.

Wie populär Julie Wolfthorn bis in die späten 1920er Jahre war, belegen neben ihren Porträts auch viele ihrer Arbeiten für Magazine, Titelbilder der Zeitschrift „Jugend“ und „Der Junggeselle“, Beiträge in Westermanns Monatshefte über die „Modernen Frauentypen“ und auch viele nach ihren Motiven gedruckte Postkarten.
Der Nationalsozialismus setzte dieser Karriere ein abruptes Ende. Als Jüdin wurde Julie in den 1930er Jahren aus den Kunstverbänden ausgeschlossen, erhielt Ausstellungsverbot und bekam keine Aufträge mehr. Zu spät entschied sie sich zu emigrieren und wurde 1942, im Alter von 78 Jahren, mit ihrer Schwester Luise nach Theresienstadt deportiert. Dort wurden beide ermordet. Kurz vor ihrer Deportation versteckte und verschenkte sie noch ihre Bilder und schrieb an ihren Freund den Architekten Carl Eeg: „Heute sende ich Ihnen den letzten Gruß. Wir warten hier auf den Abtransport nach Theresienstadt und sind beinah zufrieden, endlich die Ungewissheit los zu sein. Vergessen Sie uns nicht.“

So erfolgreich Julie Wolfthorn zu ihrer Zeit auch war, sie gehörte lange zu den Vergessenen, bis der Verein der Berliner Künstlerinnen Anfang der 1990er Jahre seine Nachforschungen über frühere Mitglieder begann. Die Kunsthistorikerin Heike Carstensen recherchierte und schrieb 2011 ihre Dissertation „Leben und Werk der Malerin und Graphikerin Julie Wolfthorn (1864-1944). Rekonstruktion eines Künstlerinnenlebens“. Im letzten Jahr war sie die Kuratorin der Ausstellung „Vergessen Sie uns nicht – Julie Wolfthorn zurück in Berlin“.
Autorin: Andrea Brendel, März 2025
Quellen:
https://artinwords.de/julie-wolfthorn/
https://www.monopol-magazin.de/julie-wolfthorn-berlin
https://taz.de/Wiederentdeckte-Malerin-Julie-Wolfthorn/!6005486/
https://de.wikipedia.org/wiki/Julie_Wolfthorn
Bilder:
Julie Wolfthorn: Bildnisstudie blauer Hut, Öl auf Leinwand, o. J., gemeinfrei. https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Julie_Wolfthorn?uselang=de#/media/File:Julie_Wolfthorn_-_Bildnisstudie_blauer_Hut.jpg
Julie Wolfthorn: Umschlag der Kunst- und Literaturzeitschrift „Jugend“ Nr. 36, 3. September 1898, gemeinfrei. https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Julie_Wolfthorn?uselang=de#/media/File:Julie_Wolfthorn_-_Jugend_Nr._36,_September_1898.jpg
Julie Wolfthorn: Portrait der Verlegerin Marta Baedeker, sitzend in Halbfigur mit umgelegter Pelzjacke, c. 1929. gemeinfrei. https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Julie_Wolfthorn?uselang=de#/media/File:Julie_Wolfthorn_-_Portrait_der_Marta_Baedeker,_c._1929.jpg
Julie Wolfthorn – Vier Mädchen auf dem Waldboden, um 1907. Öl auf Pappe, gemeinfrei. https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Julie_Wolfthorn?uselang=de#/media/File:Julie_Wolfthorn_-_Vier_M%C3%A4dchen_auf_dem_Waldboden,_um_1907.jpg
Julie Wolfthorn: Titelblatt der Zeitschrift Die weite Welt, Februar 1902: Die Malweiber. Unerschrockene Künstlerinnen um 1900, S. 66, gemeinfrei. https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Julie_Wolfthorn?uselang=de#/media/File:Julie_Wolfthorn.JPG