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Doris Lessing ( 1919-2013) – Provokant, scharfzüngig, unberechenbar – die große Dame der britischen Literatur

Die Wahl kommt für viele überraschend, für manche ist sie eine Enttäuschung. Kritiker monieren, ihren Spätwerken fehle es an literarischer Qualität. Doris Lessing selbst reagiert überrascht, nach jahrzehntelanger Wartezeit, nun doch 2007 den Nobelpreis für Literatur erhalten zu haben.

Der Preis ist verdient. So wie Günther Grass, wird auch sie für ihr Lebenswerk geehrt, vor allem auch für ihr Hauptwerk, „Das goldene Notizbuch“ von 1962. Eine Wiederentdeckung.

Dass Doris Lessing auch als Frau, als einflussreiche Stimme des literarischen Feminismus geehrt wird, kommt in der Begründung des Stockholmer Komitees zum Ausdruck, in der Lessing als eine „Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat“.

Sie selbst kann den Preis krankheitsbedingt nicht persönlich entgegennehmen, lässt ihre Nobelrede von ihrem englischen Verleger vorlesen:

„Schriftsteller werden oft gefragt: Wie schreiben Sie? Mit dem Computer? Einer elektrischen Schreibmaschine? Einem Federkiel? Mit der Hand? Die entscheidende Frage lautet aber: „Haben Sie den Raum gefunden, jenen leeren Raum, der Sie beim Schreiben umgeben muss?“ In diesen Raum, der wie eine Form des Lauschens, der Aufmerksamkeit ist, kommen nämlich die Worte, die Worte, die Ihre Figuren sagen werden, Ideen – Inspiration.“

Die eigene Geschichte als Inspiration

Die Inspiration für ihre über 50 Werke schöpfte Doris Lessing zum großen Teil aus ihrem eigenen Leben, ihren Erfahrungen als Nachkriegskind und weiße Farmerstochter in Afrika. 1919 kam sie als Tochter eines Kolonialoffiziers im Iran zur Welt, später zog die Familie nach Südrhodesien, das heutige Simbabwe. Der kriegsversehrte Vater betrieb dort erfolglos eine Maisfarm. Der Vater war verbittert, die Mutter frustriert, dass sie in Afrika „unter Wilden“ nicht das feine englische Leben leben konnte. Mutter und Tochter hatten eine schwierige Beziehung. Das einzig Gute: ihre Mutter liebte die Literatur und versorgte Doris mit Lesestoff, bestellte Bücherpakete in London, die ihren Weg bis in die Lehmhütte der Familie fanden. Und so fand das unglückliche Kind Trost in der Literatur, die sie verschlang.

Zwei gescheiterte Ehen

Mit 14 Jahren verließ Lessing die Schule, arbeitete als Kindermädchen, Sekretärin, später als Journalistin. Mit 19 Jahren heiratete sie das erste Mal. Die Ehe scheiterte, sie verließ Mann und ihre zwei Kinder. Auch die zweite Ehe mit dem Exil-Kommunisten Gottfried Lessing hielt nur wenige Jahre. Doris Lessing ging mit ihrem Sohn Peter 1949 nach London und widmete sich ihrer Karriere als Schriftstellerin. Gleich mit ihrem ersten Roman „The Grass is Singing“ (zu deutsch: Die Afrikanische Tragödie) gelang ihr der Durchbruch. Es ist ein Drama über die Liebe zwischen Schwarz und Weiß und über unüberbrückbare Rassengegensätze. Wegen ihrer Kritik an der Apartheid und an dem Regime durfte Lessing jahrzehntelang nicht nach Simbabwe und Südafrika reisen.

Das goldene Notizbuch

1962 erschien dann ihr Hauptwerk: „Das goldene Notizbuch. Weltweite Berühmtheit erlangte das Buch als „Bibel für Feministinnen“. Lessing selbst hatte sich der Frauenbewegung jedoch nie angeschlossen und immer wieder dagegen argumentiert. „Too much talk, not enough action“, zu viel Gerede, zu wenig Handlung.

„Die zweite Zeile im ‚Goldenen Notizbuch‘ lautet: Alles löst sich auf. Darum geht es in dem Buch. Romane sind heute oft Gedanken-Experimente.“ Solche Gedankenexperimente finden sich auch in späteren Büchern, wie zum Beispiel in „Anweisung für einen Abstieg zur Hölle“.

Was ist mit uns los?

Ihre Botschaft: Dass die Veränderbarkeit der Welt zwar ihr Zweck sei, gewisse politische und technische Entwicklungen sich aber auch ruinös auswirken könnten. Das blieb für Doris Lessing bis zu ihrem Tod im November 2013 im Alter von 94 Jahren eine Schlüsselfrage: „Warum machen wir immer weiter Dinge, von denen wir wissen, dass sie uns, vielleicht unwiderruflich, schaden werden? Was ist mit uns los?“

Nach dem Nobelpreis

Erst war sie überrascht, später entnervt von dem Rummel um ihren Nobelpreis. Denn er ließ ihr kaum noch Zeit zum Schreiben, kostete sie zu viel Zeit, als es ihr körperlich schon nicht mehr gut ging. Sie schrieb nur noch ein Buch „Alfred und Emily“ (2008), eine fiktive Lebensgeschichte ihrer Eltern, ein „was wäre, wenn es den ersten Weltkrieg nicht gegeben hätte“? 2013 starb sie in London an den Folgen eines Schlaganfalles.

Autorin: Andrea Brendel, April 2026

Quellen:

Doris Lessing: Den Nobelpreis nicht gewinnen. Nobelvorlesung. 7. Dezember, 2007 https://www.nobelprize.org/uploads/2018/06/lessing-lecture_ty-3.pdf

Lust am Provokanten – Doris Lessing wird 90. https://www.evangelisch.de/inhalte/96518/21-10-2009

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/doris-lessing-mutter-nobelpreis-a-510911.html

https://www.deutschlandfunk.de/vor-100-jahren-geboren-doris-lessing-visionaere-100.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Doris_Lessing

Bilder:

Doris Lessing, art Cologne 2006. Von Elke Wetzig (square by Juan Pablo Arancibia Medina) – ORIGINAL, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4968123

Doris Lessing, 10. Juni 1984. Von Larry Armstrong, Los Angeles Times – https://digital.library.ucla.edu/catalog/ark:/21198/zz0002sgrm, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=123392820